Schichtarbeitersyndrom – Schlafstörungen als Folge von Nacht- und Schichtarbeit

Der biologische zirkadiane Schlafrhythmus steuert den Tagesrhythmus des Menschen. Die innere Uhr des Menschen unterscheidet mit zusätzlicher Hilfe von sozialen Zeitgebern zwischen Tag und Nacht. Die Schläfrigkeit des Körpers ist in der Nacht, auch durch äußere Einflüsse wie fehlendes Tageslicht, am stärksten ausgeprägt. Menschen, die aufgrund von Nacht- und/oder Schichtarbeit antizyklische Schlafphasen besitzen, leiden in 70 bis 90 Prozent der Fälle spätestens auf längere Sicht gesehen unter teilweise massiven Schlafstörungen. Diese werden unter dem Schichtarbeitersyndrom zusammengefasst. Je nach Schlaftyp reichen die Folgen von sozialer Ausgeschlossenheit und sozialen Missständen bis hin zu schweren gesundheitlichen Beschwerden.

Ein Mann arbeitet spät in der Nacht in seinem Büro

Dauerhafte Nachtarbeit beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit des Körpers massiv. Bildquelle: Syda Productions – 629291840 / shutterstock.com

Definition Schichtarbeitersyndrom

Das Schichtarbeitersyndrom bezeichnet zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen. Dabei synchronisiert die innere Uhr des Körpers nicht mehr mit dem vorgegebenen sozialen Tag-Nacht-Rhythmus. Dies geschieht aufgrund von wechselnden Schichtarbeiten oder dauerhafter Nachtarbeit. Durch die wechselnden Tagesarbeitszeiten (Früh-, Spät- und Nachtschicht) kommt es zu Störungen des Schlafrhythmus sowie zu exzessiv auftretender Schläfrigkeit während der Arbeitszeit und persistierender Schlaflosigkeit während der vorgesehenen Schlafphasen.

Diese Schlafstörungen betreffen langfristig gesehen bis zu 90 Prozent der Schicht- und Nachtarbeiter und belasten zum einen deren soziales Umfeld und die allgemeine Lebensqualität, zum anderen können sie aber erhebliche gesundheitliche Beschwerden wie beispielsweise Kopfschmerzen, Konzentrationsschwächen, Magen-Darm- oder Herz-Kreislauferkrankungen hervorrufen.

Nachtarbeit und Schichtarbeit – Gesetzliche Definition

Dass dem Staat die häufig auftretenden gesundheitlichen Folgen und Gefahren durchaus bekannt sind, verdeutlicht § 6 Nacht- und Schichtarbeit Abs. 3 des Arbeitszeitgesetzes (ArbZG):

„Nachtarbeitnehmer sind berechtigt, sich vor Beginn der Beschäftigung und danach in regelmäßigen Zeitabständen von nicht weniger als drei Jahren arbeitsmedizinisch untersuchen zu lassen. Nach Vollendung des 50. Lebensjahres steht Nachtarbeitnehmern dieses Recht in Zeitabständen von einem Jahr zu. Die Kosten der Untersuchungen hat der Arbeitgeber zu tragen, sofern er die Untersuchungen den Nachtarbeitnehmern nicht kostenlos durch einen Betriebsarzt oder einen überbetrieblichen Dienst von Betriebsärzten anbietet.“

Die Europäische Arbeitszeitrichtlinie definiert Schichtarbeit als „jede Form der Arbeitsgestaltung kontinuierlicher oder nichtkontinuierlicher Art mit Belegschaften, bei der Arbeitnehmer nach einem bestimmten Zeitplan, auch im Rotationsturnus, sukzessive an den gleichen Arbeitsstellen eingesetzt werden, sodass sie ihre Arbeit innerhalb eines Tages oder Wochen umfassenden Zeitraumes zu unterschiedlichen Zeiten verrichten müssen.“

Epidemiologie des Schichtarbeitersyndroms – So verbreitet sind die Schlafstörungen

Etwa 10 bis 15 Prozent der in Deutschland Beschäftigten arbeiten tagtäglich im Schichtdienst oder dauerhaft in der Nachtarbeit. Laut verschiedenen statistischen Erhebungen leiden zwischen 70 und 90 Prozent von ihnen auf lange Sicht gesehen unter teils erheblichen Störungen des zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmus. Diese Schlafstörungen werden im erweiterten Kreis dem Schichtarbeitersyndrom zugeordnet.

Statistische Werte zum Anteil der Erwerbstätigen in Deutschland in Schichtarbeit

Schichtarbeitersyndrom – So entstehen die Schlafstörungen

Der Körper besitzt eine Art innere Uhr, die einem zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmus folgt. Dieser wird durch die Umwelt maßgeblich beeinflusst, die dem Körper durch beispielsweise die Temperatur sowie durch das Tageslicht Tag und Nacht anzeigt. Auch soziale Zeitgeber tragen ihren Teil zum problemlosen Ablauf des zirkadianen Rhythmus bei. Bei Personen, die im Schichtdienst arbeiten oder gar dauerhafte Nachtarbeit verrichten müssen, stimmen beide Faktoren, sowohl der zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmus als auch die äußeren Einflüsse, nicht mit der inneren Uhr überein. Die Personen schlafen also gegen den Tag an und arbeiten während der eigentlichen Ruhephase des Körpers.

Diese Diskrepanz führt bei einem großen Teil der in Schicht- oder Nachtarbeit tätigen Bevölkerung zu wenig bis stark ausgeprägten Schlafstörungen, welche man unter dem Titel Schichtarbeitersyndrom zusammenfasst. Je nach individuellen Gegebenheiten und der Art der Tätigkeit können die Folgen schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit der Betroffenen haben. Häufig leiden auch das Sozialleben sowie die eigene Lebensqualität erheblich unter der Schicht- und Nachtarbeit.

Schichtarbeitersyndrom – Das sind die gesundheitlichen Folgen

Das Schichtarbeitersyndrom ist eine Erkrankung, die bei den Betroffenen exzessive Schläfrigkeit während der Arbeitszeiten und Schlaflosigkeit während der eigentlichen Ruhephasen erzeugt. Hinzukommen können verschiedene weitere körperliche Beeinträchtigungen und Auswirkungen, wie beispielsweise:

  • Kopfschmerzen
  • Konzentrationsschwäche
  • Magen-Darmerkrankungen(gastrointestinal)
  • Herz-Kreislauferkrankungen (kardiovaskulär)
  • Ein- und Durchschlafschwierigkeiten
  • Psychovegetative und psychosomatische Beschwerden
  • Körperliche Erschöpfung
  • Sinkende Leistungsfähigkeit
  • Erhöhtes Unfallrisiko

Zudem sehen sich viele Schicht- und Nachtarbeiter mit teilweise erheblichen sozialen Problem konfrontiert. Während der Arbeitszeit schläft das soziale Umfeld (Familie, Freunde) in der Regel. Am Tage sind die Schicht- und Nachtarbeiter auf Ruhe und Schlaf angewiesen, während das „normale“ Leben an ihnen vorbeiläuft. Zeit mit der Familie sowie die persönliche Freizeitgestaltung ist dementsprechend eingeschränkt.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass der durchschnittliche Schlafzyklus der in der Schicht- und vor allen Dingen Nachtarbeit tätigen Bevölkerung rund zwei bis vier Stunden kürzer ausfällt. Auch wenn permanente Nachtarbeit die innere Uhr des Körpers teilweise verschiebt, ist die relative Unfallhäufigkeit dennoch erhöht und die Leistungsfähigkeit reduziert. Deswegen sollte die Nachtarbeit speziell für Morgentypen reduziert beziehungsweise sinnvoll angepasst werden.

Unterschiedliche Anpassungsfähigkeit – Die verschiedenen Schlaftypen

Manchen Menschen gelingt die Anpassung an einen veränderten zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmus besser als anderen. Das hat primär mit dem individuellen Schlaftyp zu tun. Es wird generell zwischen drei Schlaftypen unterschieden:

  • dem Frühaufsteher (Morgentyp)
  • dem Normaltyp (Großteil der Bevölkerung)
  • dem Spätaufsteher (Abendtyp)

Der Morgentyp erreicht im Vergleich zum Abendtyp seine Akrophase der Leistung sowie der physiologischen Rhythmen deutlich früher am Tag. Zeitigeres Zubettgehen und früheres Aufstehen sind beim Morgentyp fast unausweichlich. Im Gegensatz zum Abendtyp kann langes Aufbleiben nur in seltenen Fällen durch längeres Schlafen ausgeglichen werden. Daraus resultieren häufig speziell bei länger anhaltenden Nachtschichtperioden in aufeinanderfolgenden Nächten kumulierende Schlafdefizite, die die körperliche Leistungsfähigkeit massiv beeinträchtigen.

Bei Abendtypen ist dieses Phänomen genau umgekehrt. Die fehlende Fähigkeit zum „Vorschlafen“ macht sich besonders in aufeinander folgenden Frühschichten in Schlafdefiziten bemerkbar. Die für einen erholsamen Schlaf unbedingt notwendige, nachträgliche Resynchronisation des Schlaf-Wach-Rhythmus, beispielsweise nach einer unregelmäßigen Schichtwoche, fällt dem Großteil von Schicht- und Nachtarbeitern sehr schwer. Ursprüngliche Zeitgeber wie das soziale Umfeld und das wechselnde Tageslicht, konkurrierend mit dem artifiziellen Hell-Dunkelwechsel der Nachtschichtperioden, verhindern meistens die schnelle Umgewöhnung des Körpers.

Die Wissenschaft ist sich bis zum heutigen Tage nicht vollständig darüber im Klaren, wie lange die Anpassungsdauer an ständig wechselnde Schichten benötigt. Ein häufig genannter Richtwert sind rund drei Jahre. Andere wissenschaftliche Studien aus der Schlafmedizin haben allerdings ergeben, dass der Körper es niemals vollständig schafft, sich an wechselnde oder ungewöhnliche Schlaf- und Wachzeiten zu gewöhnen.

Infografik zu den verschiedenen Schlaftypen

Es existieren drei verschiedene Schlaftypen.

Schichtarbeitersyndrom – Behandlungsmethoden und Erfolgschancen der Therapie

Die Therapie des Schichtarbeitersyndroms beziehungsweise der gesundheitlichen Folgen ist nicht einheitlich gegliedert. Verschiedene Faktoren beeinflussen die individuellen Therapiemaßnahmen entscheidend:

  • Möglichkeit der Optimierung des Arbeitsplatzes
  • Art des Arbeitsplatzes
  • Alter und Geschlecht des Patienten
  • Ausprägung des Schlaftyps

Behandlungsmethoden

Die teilweise tiefgreifenden Schlafstörungen, die in Folge der Nacht- und Schichtarbeit auftreten, können durch verschiedene Maßnahmen positiv beeinflusst und verringert werden. Dazu zählt vor allem die Optimierung des Arbeitsplatzes, aber auch die eigene Schlafstruktur und Schlafhygiene können positive Auswirkungen haben und die Schlafstörungen verringern. Im Folgenden werden die wichtigsten Maßnahmen vorgestellt:

    • Arbeitszeitpläne und Schichtplanoptimierung
      Gezielte Arbeitspläne mit fest integrierten Pausen und kurzen Erholungsphasen steigern nachgewiesener Maßen nicht nur die Produktivität des Angestellten, sondern vermindern auch das Unfallrisiko und erhöhen die Arbeitszufriedenheit des Mitarbeiters. Zudem sollte der Übergang der Schichten immer aufeinanderfolgend sein, also von Tag- zu Spät- zu Nachtschicht. So kann sich der Körper leichter im zirkadianen Rhythmus bewegen. Allerdings sind diese Maßnahmen auch von der Art des Arbeitsplatzes abhängig. Sollten derartige Veränderungen nicht möglich sein, sollte nach Möglichkeit über die Beendigung der Schichtarbeit nachgedacht werden.
    • Feste Schlaf-Wachzeiten
      Angestellte mit dauerhafter Nachtschicht sollten auch an freien Tagen ihr Schlafmuster nicht grundlegend ändern. Der Wechsel von Tag- auf Nachtschlaf und umgekehrt belastet den Körper extrem. Lässt sich ein unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus aufgrund der Art des Berufes nicht vermeiden, sind kurze Schläfchen von 15 bis 20 Minuten zu empfehlen.
    • Lichtverhältnisse am Arbeitsplatz
      Mittels einer Lichttherapie, bei der künstliches, intensives und dem Tageslicht ähnliches Licht am Arbeitsplatz verwendet wird, kann die innere Uhr beeinflusst werden und ein künstlicher zirkadianer Schlafrhythmus erzeugt werden. Wichtig ist, dass speziell Nachtarbeiter dann allerdings auch die Lichtverhältnisse am Tag, wenn sie zuhause sind, entsprechend abdunkeln und Lichteinwirkungen vermeiden.
    • Schlafhygiene
      Das Schlafumfeld der Betroffenen kann mittels der Schlafhygiene optimiert werden. So wirken sich eine niedrige Raumtemperatur sowie sehr dunkle Lichtverhältnisse im Schlafzimmer positiv auf den Schlaf aus. Ebenso sollte ein fester Ablauf vor dem Zubettgehen berücksichtigt werden (Umziehen, Zähne putzen etc.), um den Körper auf den Schlaf einzustimmen und die Schlafqualität zu verbessern.
    • Schlafmittel
      Sind die bereits genannten Maßnahmen nicht zielführend oder wirksam, können auch Pharmazeutika in einigen Fällen hilfreich sein. Da die Gefahr einer Abhängigkeit sowie von Nebenwirkungen besteht, sollten Sie den Einsatz von Schlafmitteln allerdings unbedingt zuvor ärztlich abklären.

Erfolgschancen der Therapie

Berücksichtigt man die aufgezählten Behandlungsmethoden, lässt sich der Körper einigermaßen gut auf den verschobenen zirkadianen Schlafrhythmus ausrichten. Dennoch hängen die Erfolgschancen von zwei Faktoren ab:

  • Welcher Schlaftyp Sie sind
  • Wie schnell und inwieweit Ihr Körper auf die Veränderungen beispielsweise der Arbeitsplatzbedingungen reagiert

Nicht jedem Nacht- oder Schichtarbeiter sind hier eindrucksvolle Erfolge vergönnt. Hat das Schichtarbeitersyndrom bereits entsprechende gesundheitliche Beschwerden zur Folge, speziell in Kombination von schwerwiegenden Atemstörungskrankheiten wie dem Obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom, ist eine Vorstellung beispielsweise im S•MED Schlaflabor Recklinghausen für eine umfassende Diagnostik sowie der Einleitung entsprechender Therapiemaßnahmen unbedingt notwendig.

Wir verhelfen Ihnen wieder zu neuer Lebensqualität und einem erholsamen Schlaf, getreu unserem Leitspruch:

Nachts gut schlafen, tagsüber fit.

Autor: Prof. Dr.med. Dr.med.dent. Dr.h.c. Ralf Siegert

By | 2018-08-16T11:50:50+00:00 April 5th, 2018|Uncategorized|0 Comments

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