Schlafüberwachung via Smartphone – ersetzt die Schlaf-App das Schlaflabor?

Unruhige Beine, extremes Schnarchen oder gar Atemaussetzer im Schlaf sind nicht nur ein Zeichen für eine gestörte Nachtruhe, sondern können auch Symptome in Folge einer ernstzunehmenden Schlafkrankheit sein. Eine diagnostische Untersuchung im Schlaflabor erscheint als einziger Weg, das Krankheitsbild zu bestimmen und einzuordnen. Doch sogenannte Schlaf-Apps versprechen alternative Hilfe von zu Hause aus. Das soll mittels einer Schlafüberwachung via Smartphone funktionieren. Aber sind die Handyprogramme wirklich so gut, dass eine Schlaf-App die Diagnostik im Schlaflabor tatsächlich ersetzen kann?

Ein Smartphone überwacht den Schlaf einer Frau

Können Schlaf-Apps die Untersuchung im Schlaflabor wirklich ersetzen? Bildquelle: Syda Productions – 635920724 / Shutterstock.com

Nachfrage nach Schlaf-Apps steigt

Das Zeitalter der Digitalisierung hat besonders im Bereich der Mobilfunkgeräte beziehungsweise Handys nicht haltgemacht. Das Smartphone ist zu einem festen Bestandteil in unserem Leben geworden. Eine Flutwelle an Informationen und Nutzungsmöglichkeiten schlägt täglich auf die Nutzer nieder. Sei es das Sport- und Nachrichtenportal, das aktuelle TV-Programm oder die besondere Wecker-App, die zum Aufwecken den Raum mit Sonnenlicht oder dem Lieblingslied füllt, für nahezu jede Lebenslage existiert mittlerweile eine sogenannte App, also ein spezielles Programm, welches auf die unterschiedlichen Themen oder Nutzungsmöglichkeiten ausgerichtet ist – so auch beim Thema Schlafüberwachung.

In den letzten Jahren hat die Auswahl an besonderen Wecker-Apps stark zugelegt. Mittels Schlafüberwachungen und -aufzeichnungen können die Wecker-Apps die aktuelle Schlafphase bestimmen und so den Wecker in einer zuvor festgelegten Zeitspanne in der angenehmsten Phase (Leichtschlafphase) erklingen lassen. Die Überwachung des Schlafes machen sich mittlerweile auch sogenannte Schlaf-Apps zunutze, um eine erste medizinische Diagnose aufzustellen.
Wie diese funktioniert, welche Instrumente und Daten zur Schlafanalyse genutzt werden und ob das Smartphone wirklich eine diagnostische und medizinisch fachliche Untersuchung im Schlaflabor (Polysomnographie) ersetzen kann, soll in diesem Text erörtert werden.

Warum ist es wichtig, bei Schlafstörungen den Schlaf zu überwachen?

Ungefähr ein Drittel des Lebens verbringt ein Mensch im Schlaf. Er ist daher nicht nur ein fester Bestandteil unseres wiederkehrenden Tagesablaufes, sondern dient vor allen Dingen der Gesundheit. Schlaf ist lebensnotwendig für den Körper und die Psyche. Wachstum, Erholung der Muskeln, Verarbeitung von erlebten Tagesgeschehnissen sowie die Speicherung von Erlerntem im Gedächtnis – all diese Dinge laufen während des Schlafes ab.

Der Körper fährt zu diesem Zweck Funktionen wie Atmung, Puls, Kreislauf und Reaktionen auf äußere Reize herunter, andere Bereiche wie das Gehirn arbeiten hingegen unter Höchstleistung. Damit der Körper für die Gesundheit die notwendige Erholungs- und Verarbeitungsphase erhält, ist ein ungestörter und geruhsamer Schlaf das A und O. Doch in Deutschland leidet fast jede dritte Person unter teils massiven Schlafstörungen, was wiederum schwerwiegende gesundheitliche Auswirkungen hat.

Schlafstörungen können die verschiedensten Ursachen haben. Von psychosomatischen bis hin zu körperfunktionellen Dysfunktionen betreffen, stören und beeinflussen sie ebenfalls die unterschiedlichen Phasen des zirkadianen Schlafrhythmus des Menschen. Jede Schlafphase hat seine Bedeutung für einen gesunden Schlaf, wobei zwei Phasen besonders hervorzuheben sind:

  • Die Tiefschlafphase dient der körperlichen Erholung. In ihr bildet der Körper Bausteine zum Erhalt und zur Reparatur der Organe.

  • Die Traumphase (REM-Schlaf) dient der geistigen Erholung. Tageserlebnisse werden verarbeitet und angereichertes Wissen und Erfahrungen im Gedächtnis abgespeichert.

Infografik zu den Arten und der Bedeutung der Schlafüberwachung

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Wiederkehrende und andauernde Schlafstörungen wie beispielsweise Schnarchen, unruhige Beine oder Atemaussetzer beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit und die Gesundheit des Menschen massiv und müssen daher unbedingt überwacht, diagnostiziert und behandelt werden. Dies geschieht normalerweise in einem Schlaflabor mittels einer Polysomnographie. Allerdings behaupten immer mehr Entwickler von sogenannten Schlaf-Applikationen für das Smartphone, dass die umfassende Kontrolldiagnostik anstelle des Schlaflabors auch im eigenen Bett via Schlaf-App möglich sei.

Schlaf-App zur Schlafanalyse

Die meisten Schlaf-Apps können lediglich Schnarch-Geräusche messen. Eventuelle Unregelmäßigkeiten in der Atmung werden zu schnell fehlerhaft als Atemaussetzer deklariert, weswegen Schlaf-Apps in der genauen Diagnostik noch äußerst unzureichend sind. Lediglich Hinweise auf typische Symptome von Schlafkrankheiten wie dem Obstruktiven Schlafapnoesyndrom können die Applikationen geben. Wissenschaftler von der University of Washington haben hingegen eine Schlaf-App entwickelt, die wesentlich genauer und detailreicher den Schlaf beziehungsweise die Schlafgeräusche messen und analysieren kann.

Dies geschieht mittels der Sonartechnik. Unhörbare Schallwellen werden von den Lautsprechern der Smartphones ausgesendet. Die von der zu überwachenden Person reflektierten Schallwellen werden vom Mikrofon des Smartphones aufgezeichnet. Laut den Entwicklern können so kleinste Veränderungen im Atemmuster festgestellt und sogar zwischen zwei Personen im Bett unterschieden werden. Eine speziell für das Projekt der Forschergruppe durchgeführte klinische Studie hat ergeben, dass die Schlaf-App bei der Schlafüberwachung eine bis zu 90 prozentige Trefferquote aufweist.

Die Ergebnisse bisheriger klinischer Studien auch aus Deutschland stehen den Schlaf-Apps allerdings weitaus kritischer gegenüber, wobei die Sonartechnik mit einer derartigen Genauigkeit bisher nicht verwendet wurde. Die Ergebnisse der Studien deuteten zwar Fortschritte im Bereich der Schlafanalyse an, die Messgenauigkeit ist allerdings nicht vergleichbar mit der bei einer Polysomnographie.

Schlaf-Apps scheinen zwar keine verlässliche schlafmedizinische Diagnostik erstellen zu können, dennoch können sie erste Informationen und Anzeichen von Schlafstörungen, Schnarchen und Atemaussetzern feststellen. Doch einige Fragen stellen sich noch.

Wie funktioniert eine Schlaf-App?

Eine Schlaf-App nimmt über das im Smartphone integrierte Mikrofon Atem- und Schnarchgeräusche auf. Ebenso kann durch die GPS-Ortung, den integrierten Kompass und die Lage der Höhenmessung festgestellt werden, wie stark die Person in der Nacht in Bewegung war. Zusätzlich müssen in der Regel einige grundsätzliche Fragen zur Gesundheit des Betroffenen beantwortet werden, beispielsweise zu bestehenden Vorerkrankungen, Schlafrhythmus oder Adipositas (Übergewicht). Aus den ermittelten und eingegebenen Daten erstellt die Schlaf-App eine Analyse hinsichtlich auftretender Schlafkrankheiten.

Wie wird sie angenommen?

Die regelmäßige Benutzung von Schlaf-Apps ist in den letzten Jahren exponentiell angewachsen. Das immer größer werdende Angebot, aber vor allem der technische Fortschritt in der Mess- und Analysegenauigkeit der Schlaf-Apps sorgt für eine steigende Beliebtheit. Wie die Statistik zeigt, ist die Nutzung von Digital-Health-Applikationen zum Monitoring des Schlafverhaltens allein in den letzten zwei Jahren um satte 31 Prozent angestiegen.

Entwicklung der Nutzung von Digital-Health-Applikationen

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Welche Apps gibt es?

Es existieren mittlerweile diverse Applikationen zur Schlafüberwachung. Die meisten von ihnen analysieren allerdings nur die Schnarchgeräusche. Eine kleine Auswahl:

  • Die Schlaf-App „Sleep as Android“ nimmt eine Schlafzyklusmessung vor und besitzt eine integrierte intelligente Weckfunktion. Sie kann ebenso Schlafgeräusche aufnehmen und besitzt sogar eine Anti-Schnarchfunktion. Die Rezensionen und Testergebnisse der Benutzer fallen allerdings weit gestreut aus.
  • Die Schlaf-App „Anti Snoring“ beispielsweise registriert Schnarchgeräusche und spielt nervige Töne wie das Schwirren einer Mücke ab, bis die betroffene Person sich bewegt und das Schnarchen aufhört. Ein großes Problem bei dieser App ist, dass genau das passiert, was dem Betroffenen eigentlich erspart bleiben soll: sich wiederholendes Aufwachen und dadurch ein nicht erholsamer Schlaf.
  • Die App „Snore Clinic“ kann neben der reinen Aufzeichnung der Schnarchgeräusche auch Atemaussetzer im Schlaf erkennen und anschließend das Schlaf-Apnoe-Risiko bewerten – so zumindest die Theorie. Die Rezensionen und Bewertungen der Nutzer gehen auch hier ebenfalls weit auseinander.
  • „Snore Lab“ benutzt Schnarch-Erfassungs-Algorithmen zur Messung von Schnarchgeräuschen, erstellt Schlafstatistiken und Aufnahmeproben und kann diese per E-Mail an den entsprechenden Schlafmediziner oder das Schlaflabor senden. Auch hier zeigt sich, dass die Schlaf-Apps zur ersten Schlafüberwachung teilweise recht hilfreich sein können, eine umfassende Diagnostik wie beispielsweise die Polysomnographie bei uns im S•MED Schlaflabor Recklinghausen kann eine Analyse via Smartphone allerdings nicht ersetzen.

Funktioniert die Schlafanalyse per Apple Watch?

Ein Mann trägt zur Schlafanalyse beim Schlafen eine Apple Watch

Eine Schlafanalyse per Apple Watch kann wichtige Informationen bereitstellen. Bildquelle: Andrey_Popov – 571667539 / Shutterstock.com

Die Apple Watch stellt eine Alternative zum Smartphone dar. Mit der entsprechenden kostenpflichtigen Software wie beispielsweise „AutoSleep“ oder „Sleep Tracker“, welche von der Apple Watch unterstützt werden, kann der Schlaf überwacht werden. Zur Datenerfassung muss die intelligente Uhr aber auch über die gesamte Schlafdauer getragen werden.
Zur Schlafüberwachung werden unter anderem

  • Die Anzahl und prozentuale Verteilung der Schlafphasen im zirkadianen Schlafrhythmus,
  • Die Schlafdauer,
  • Die Körperbewegungen im Schlaf,
  • Die Herzfrequenz
  • Und die Atemfrequenz gemessen.

Eine erste Analyse erstellt die Apple Watch ebenfalls. So kann beispielsweise die Herzfrequenz ins Verhältnis zum Ruhepuls am Tag gesetzt werden. Ebenso kann beispielsweise aufgezeigt werden, ob genügend Tiefschlafphasen erreicht wurden. Eine umfassende Schlafdiagnostik ist aber auch mit der Apple Watch nicht möglich. Erste Hinweise zu einem möglichen Krankheitsbild kann sie allerdings geben.

Fazit: Kann die Schlaf-App die Diagnostik im Schlaflabor ersetzen?

Diese interessante Frage kann aus medizinischer Sicht recht eindeutig beantwortet werden: Nein, kann sie nicht. Allerdings gilt es fairerweise hinzuzufügen, dass die Schlaf-Apps in ihrer Leistungsfähigkeit und dem Umfang der Analysefunktionen immer besser werden. Ebenfalls dienen sie sicherlich ersten Informationshinweisen, die für die Schlafmediziner sehr wertvoll sein können. Puls- (bei der Apple Watch) und Atemfrequenz sowie die Intensität und Lautstärke des Schnarchens können eine erste grobe Einschätzung zum Krankheitsbild des Patienten ermöglichen.

Je nach technischem Fortschritt können daher sicherlich einige Schlaf-Apps erste Warnsignale erkennen und aufzeichnen. Wir vom S•MED Schlaflabor Recklinghausen sind allerdings der festen, auch von wissenschaftlichen Studien belegten Überzeugung, dass die Apps eine vollständige und umfassende Schlafdiagnostik im Schlaflabor nicht ersetzen können.

Nachts gut schlafen, tagsüber fit.

Autor: Prof. Dr.med. Dr.med.dent. Dr.h.c. Ralf Siegert

Ersetzen Schlaf-Apps bald das Schlaflabor? Prof. Dr.med. Dr.med.dent. Dr.h.c. Ralf Siegert und Dr.med. Alexandros Papapostolou geben Antworten.

By | 2018-08-16T11:57:46+00:00 November 21st, 2017|Besser Schlafen|0 Comments

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